
Die japanische Ästhetik betont die Vollkommenheit des Unvollkommenen ebenso wie die Vergänglichkeit – so wie es ist, bleibt es nicht. Das ist gerade derzeit eine hilfreiche Perspektive. Wir leben in interessanten Zeiten, das kann man zur Zeit beim Blick in die Nachrichten jeden Morgen neu bestätigt bekommen. Angeblich ist dies eine Verwünschung, ein Fluch – interessante Zeiten sind solche, in denen gewohnte Orientierungen wegfallen und Probleme auftauchen, mit denen man nicht gerechnet hat. Wo also die Sicherheit, dass es schon irgendwie so weiter gehen wird, plötzlich verschwunden ist. Es sind Zeiten der Krise, denn sie erfordern, zu unterscheiden – auf Griechisch kríne:in, davon kommt „Krise“ – und zu entscheiden. Das ist die Anforderung der Situation, und auch wenn man oder frau von den großen politischen Veränderungen nicht direkt betroffen ist, geht es darum, den eigenen Ort zu finden. Hilfreich ist nicht eine bestimmte Meinung, sondern „den Charakter weiträumig, gediegen und tragfähig zu machen“, um die Zeichen der Zeit zu erkennen und Menschen und Dinge tragen und ertragen zu können. Das Zitat stammt aus dem chinesischen Orakelbuch I Ging, dem „Buch der Wandlungen“, das auf das 2. oder 3. Jahrtausend v. Chr. zurückgeht. Durch die Übung des Zazen lernen wir als erstes, uns selbst zu tragen und zu ertragen – das ist der erste und wichtigste Schritt. Zur Ruhe kommen ermöglicht, klarer zu sehen und zu unterscheiden – und dann einfach den nächsten Schritt zu tun… nichts bleibt, wie es ist.