Der Berg, den man vor lauter Wolken und Nebel zunächst nicht sieht und am Ende doch sieht, ist die Serles, mehr als 2700 m hoch, zwischen Stubai- und Wipptal in Tirol. Vom Bildungshaus St.Michael in Matrei am Brenner (wo ich eine Achtsamkeitswoche begleitete) sieht man zum Berg hinüber– oder nur Wolken, die den Berg unsichtbar machen. Es hat mich fasziniert, in der Früh aufzuwachen und in dichte Wolken zu schauen, die alles verdecken, so als ob die Welt hier zu Ende ist. Und dann zu sehen, wie sich die Wolken langsam heben. Und wie dann der Berg sichtbar wird, in Umrissen, und dann ganz zu sehen ist, dann wieder verdeckt – ein ständiges Spiel der Veränderung. Dem Berg ist es egal, ob es Wolken gibt oder Sonne…er „ist Berg“, „sitzt“…
In dem Text von Harada Roshi, den wir ja öfter lesen vorm Sitzen, wird ein anderer Berg, der Fuji in Japan, als Beispiel für „Sitzen“ angeführt. Der Berg ist ein Bild für die „letzte Wirklichkeit“, die „absolute Wirklichkeit“, für unsere „Wesensnatur“ – für das „Ungeborene, Ungeschaffene, Ungewordene“, wie es im Pali-Kanon heißt. Das, was Ausweg aus dem Geborenen, Geschaffenen, Gewordenen ermöglicht. Auch wenn man es nicht wahrnimmt; wenn es beim Zazen-Üben, untertags oder auch nachts die Emotionen und Gedanken einander ablösen wie Wolken bei Sturm und es drunter und drüber geht – aus Überlastung, aus Panik, aus welchen Gründen immer: es sind Wolken, die den Blick auf das, was immer da ist, verdecken. Man kann gewiss sein, der Berg verschwindet nicht, auch wenn er grad mal gar nicht sichtbar ist. Die Serles steht da, auf der anderen Seite des Tales, manchmal war sie um 5 Uhr früh sichtbar in den ersten Sonnenstrahlen, und dann den ganzen Tag sah es so aus, als ob da nichts mehr ist. Und dann reißt plötzlich der Nebel auf – der Berg!
Es gibt immer wieder Momente der Befreiung – plötzlich ist für Augenblicke eine tiefe Ruhe und Freiheit da, ein Weg des Friedens. Meist gehen diese Augenblicke unbemerkt vorüber – manchmal bleibt eine gewisse Frische und Ruhe. Meist überdeckt dies die Unruhe wie dicke schwere Wolken. Doch immer können wir mit der Gewissheit weiterüben, dass diese Welt des Friedens und der Freiheit da ist, unser Grund ist, auch wenn wir das grad mal gar nicht mitbekommen. Die Zazen-Übung führt langsam, aber sicher dorthin, legt langsam, aber sicher diese Dimension frei, in der wir daheim sind.